Europa braucht DAB+

Ging es Ihnen am Freitag Abend auch so? Nach Feierabend wollte ich nochmal schnell die Nachrichtenlage checken und traf auf ein nicht-funktionierendes Twitter. Hmmm, na gut, kann ja mal vorkommen… . Komisch kam es mir aber dann schon vor als auch die Seite eines großen Online-Versandhändlers nicht funktionierte. Ok, mal schnell auf den Router blicken, ob alle Signallichter korrekt leuchten oder ob hier der Fehler liegt. Aber, alles in Ordnung… . Sie kennen vermutlich die Antwort, die noch am selben Abend die Nachrichtenagenturen vermeldeten: Eine massive DDOS-Attacke auf den DNS-Provider Dyn. Betroffen waren weitere namhafte Unternehmen wie Spotify, Soundcloud, Github, AirBnb,… . Es war ein wenig eine beängstigende Situation zumal man das Gefühl hat, dass sich derartige Vorfälle häufen und nicht selten einher gehen mit dem Diebstahl von Paßwörtern, die irgendwo im Internet einige Zeit später wieder auftauchen. Dies war glücklicherweise am Freitag offenbar nicht der Fall. Nach und nach kamen die Hintergründe der Attacke ans Licht. Spiegel Online berichtete, dass sich die Hacker Smart Home-Geräten, wie Videoüberwachungskameras, Bewegungsmelder,… bedienten, die ein Netzwerk bildeten und nur auf den Befehl zum “Angriff” warteten. Haben Sie den Roman “Blackout” von Marc Elsberg gelesen? Für das Horrorszenario dort waren auch umprogrammierte Smart Home-Geräte verantwortlich. Spätestens jetzt wurde mir die Tragweite des Vorfalles bewusst. Ok, ok, ich bin gleich fertig mit den Schreckenszenarien…

Denn spielen wir den Fall mal weiter… . Nicht alle Seiten im Netz waren betroffen, aber sehr viele… . Nehmen wir mal an, es wären noch mehr Anbieter betroffen gewesen und man beginnt sich Sorgen zu machen. Nehmen wir mal an, man beginnt nach Informationen der Ursache zu suchen. Welche Quelle wird man neben dem Internet wohl wählen? Vermutlich TV oder Radio… . Den Rest kann ich mir sparen, denn Sie sehen auf was ich hinaus will, wenn man bedenkt, dass viele Medienhäuser die Zukunft des Radios im Internet sehen… . Fehlende Information kann schnell Panik auslösen…

Das Internet spielt, auch beim Radio und Audiokonsum eine immer wichtigere Rolle. User Generated Radios, Musikstreamingdienste, Podcasts,… alles Angebote, die das Hörerlebnis bereichern und vermehrt auf individuelle Wünsche eingehen. Der Erfolg von Spotify, Deezer, Napster und Co. spricht eine eindeutige Sprache. Daneben erfreut sich aber auch das lineare Radio einer ungebrochenen Beliebtheit. Während sich Startups und neue Unternehmen den interaktiven Geschäftsmodellen widmen, vermisst man bei den etablierten Radiounternehmen, vor allem in Deutschland, eine klare Digitalstrategie. Nein, nein, liebe Manager, die neueste Supidupi App des Senders “Austauschbar-FM”, die mir nichts anderes bietet als 3-5 lineare Streams und eine Mailmöglichkeit ins Studio, zählt nun wirklich nicht. Das wirkt eher wie eine nicht vorhandene Legitimierung ja doch irgendwas mit Internet zu machen. Eine Platzierung in den App Charts findet man, wenn überhaupt, ganz hinten. Positive Ausnahmen bilden hier der Radioplayer und radio.de. . Radio lebt von Überraschungsmomenten, einzigartigen Moderatoren, spritzigen Live-Interviews, Breaking News und toller Musik. Dinge, ganz nebenbei gesagt, die ich übrigens, bis auf positive Ausnahmen, die ich manchmal nur im Digitalradio finde, immer mehr vermisse. Dennoch: Das lineare Radio wird es noch lange geben. Aber seit Freitag sollte auch dem letzten Manager, z.b. in NRW klar sein: Wir brauchen , alleine aus Fragen der Sicherheit, einen funktionierenden, krisenfesten terrestrischen Standard. Nachdem UKW wohl keine Zukunft hat, sollte Digitalradio fester Bestandteil der Digitalradiostrategie ALLER Radiosender sein. Denn auch in Fragen der Sicherheit ist dieser Standard allen anderen Systemen weit überlegen. Bestes, jüngstes Beispiel: der Informationskanal in Bayern der TMT GmbH & Co. KG, Zenon Media GmbH, AVT Audio Video Technologies GmbH und Kachelmann GmbH. Neben Wetterinformationen werden vor allem Ereignisse mit möglichen Katastrophenpotential verbreitet – kostenlos, internetunabhängig und in bester Audioqualität. Dieses Projekt wird bis Ende 2016 getestet und bei positivem Fazit danach eventuell in Dauerbetrieb gehen.

Und das ist nur die Vorstufe zum EWF (Emergency Warning Functionality). Dieser ermöglicht neben den Audiosignalen auch ein automatisches Einschalten des Radiogerätes neben der Ausstrahlung von Warnsignalen, wie einer Alarmlampe oder einem Warnton. Per Bildschirm können außerdem Textnachrichten verbreitet werden. Dies kann, ebenfalls netzunabhängig, bislang nur DAB+ leisten. Europa und Deutschland waren bislang zögerlich, wie eine einheitliche digitale Transformation beim Radio vonstatten gehen soll. Der Bundesrat hat in Deutschland die Empfehlung an den Bundestag weitergegeben das Telekommunikationsgesetz dahingehend zu verändern, dass ab 2019 nur noch Radios mit DAB+ an Bord verkauft werden dürfen, wenn das Radio auch programmbegleitende Programmdienste wie z.B. RDS-Signale empfangen kann. Auch in Frankreich bewegt sich Digitalradio in die richtige Richtung, wo auch der staatliche RUndfunk, noch zögerlich, auf die junge Technik setzt. Norwegen hat bislang die konsewuenteste Strategie bewiesen und wird ab Januar 2017 landesweite Sender auf UKW sukzessive abschalten. Auch die Schweiz plant nicht mehr mit UKW und will dessen Einstellung zwischen 2020-2024.

Der 21.10.2016 sollte mahnend stehend für die Notwendigkeit, Rundfunksignale auch in Zukunft terrestrisch zu übertragen. Der 21.10. sollte dem letzten Zweifler klar machen: Wenn Radio digital werden soll, führt an DAB+ kein Weg vorbei.

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