KommAustria/RTR steht nach dem ORF-Nein weiterhin zum Digitalradio

Die Wahl des Ortes wurde sicherlich nicht dem Zufall überlassen: Österreichs Hauptstadt Wien war am 10.11. der Austragungsort für die Generalversammlung des weltweiten Branchenverbandes für das Digitalradio WorldDAB. Der Ort, in dem 2015 der DAB+ Probebetrieb begann und seitdem erfolgreich verläuft. (Radio wird digital berichtete).  Wie schon einmal kurz vor dem Start der Pilotphase versuchte publikumswirksam die österreichische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt ORF die Feierlaune zu verderben mit der unverständlichen und nicht nachvollziehbaren Ankündigung sich nicht weiter beim Digitalradio engagieren zu wollen. Als völlig absurd kann eine der offiziellen Begründungen für diese Entscheidung abgewunken werden, DAB+ wäre auch in anderen europäischen Ländern erfolglos. Das Magazin teltarif.de berichtete ausführlich. Zur Erinnerung: In Norwegen entwickelte sich der Standard so rasant, dass ab Januar sukzessive UKW-Sender eingestellt werden. Auch in der Schweiz und Großbritannien wird dieser Schritt ernsthaft erwogen. Und auch Deutschland glänzte jüngst mit überproportionalem Wachstum beim populärem digital-terrestrischem Standard. Nach dem ORF überdenkt auch der Sendernetzbetreiber ORS sein Digitalradio-Engagement. Kann dem ORF noch mit Kopfschütteln angesichts der zunehmenden Etablierung des Standards in Europa begegnet werden, bekommen die Bedenken des ORS(an der auch der ORF beteiligt ist) nun eine ganz neue Dimension.

Radio wird digital ging der Frage nach, ob die Medienbehörde KommAustria, die im Jahr 2017 eine landesweite Digitalradio-Ausschreibung starten möchte, angesichts dieser Entwicklung ihre Strategie in Bezug auf DAB+ nun vielleicht ändert. Ein Pressesprecher der KommAustria:

Die vom ORF am 09.11. dargelegte Haltung zum digitalen Hörfunk ist nicht neu, insofern auch nicht überraschend und stellt daher keine Änderung der Voraussetzungen für die geplante Ausschreibung der Medienbehörde KommAustria zur Ermöglichung der Veranstaltung von digitalem Hörfunk in Österreich dar. Die KommAustria hat eine Interessenerhebung auf dem österreichischen Markt durchgeführt, die Interessenbekundungen zur Veranstaltung digitaler Hörfunkprogramme in einem Umfang erbrachte, der eine Ausschreibung geboten erscheinen lässt. Wir haben keinerlei Hinweise darauf, dass sich an dieser Situation etwas geändert hätte.

Ganz anders als der ORF sieht die KommAustria offenbar die Notwendigkeit das Radio weiter zu entwickeln. Der Pressesprecher gegenüber Radio wird digital weiter:

Auch wenn die KommAustria und die RTR als deren Geschäftsapparat die Einschätzung vertreten, dass ein gemeinsames Vorgehen aller Marktteilnehmer höchstwahrscheinlich eine bessere Erfolgsprognose für die Einführung von DAB+ in Österreich erlauben würde, ist und bleibt es die Aufgabe der Behörde die Weiterentwicklung des digitalen Rundfunkmarktes, sowie der Medien- und Meinungsvielfalt zu ermöglichen, insbesondere auch dann, wenn Marktteilnehmer dies ausdrücklich nachfragen.

Auch auf der Generalversammlung zeigte man kein Verständnis für den ORF. Wolfgang Struber, Obmann-Stellvertreter des Vereins Digitalradio Österreich im Rahmen einer Pressekonferenz:

Die ganze Welt zeigt uns an diesen zwei Tagen, wie die Zukunft von Hörfunk nach der Ära von UKW aussehen wird, auch die in der European Broadcasting Union (EBU) vereinten öffentlich-rechtlichen und privaten Hörfunkanstalten, allen voran die BBC, setzen auf DAB+. Der ORF hat zudem einen gesetzlich verankerten Auftrag, der die Versorgungssicherheit mit Rundfunk flächendeckend und auch im Sinne des Zivilschutzes gewährleisten muss. Dieser Auftrag geht weit über die technologische Lebenszeit von UKW hinaus. Es ist also zu hinterfragen, in welcher Form der ORF den Österreichern in Zukunft eine kosteneffiziente, zukunftsfähige Hörfunkinfrastruktur bereitstellen wird.

Immerhin agiert der ORF am Hörermarkt mit rund 70 Prozent Marktanteil, ist mit seiner Beteiligung am Sendernetzbetrieb (ORS) marktbeherrschend und mit finanziellen Mitteln von rund 600 Mio. Euro aus GIS-Gebühren ausgestattet. Zusätzlich fordert der ORF eine Erhöhung der GIS-Gebühren zusätzlich um rund 60 Mio. Euro, die die Konsumenten zu tragen hätten. „Unter diesen Gesichtspunkten ist eine aktive Mitgestaltung am Sendernetz und den Hörfunkprogrammen in der digitalen Terrestrik dem ORF zumutbar. In diesem Zusammenhang muss man jedoch hinterfragen, wie Wrabetz für den ORF einerseits die Meinung vertreten kann, dass es für Hörerinnen und Hörer nicht zumutbar sei, sich neue, kostengünstige DAB+ Empfangsgeräte für neue Hörfunkangebote anzuschaffen, aber andererseits die Zukunftsperspektive für Hörfunk in der Nutzung von Amazon Echo sieht, die rund 180 Euro pro Gerät kosten.

Verständnis zeigte Wolfgang Struber für die immer wieder vom ORF kritisierte Programmbeschränkung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt:

Konkret fordert der Verein Digitalradio Österreich für private Hörfunkbetreiber die Möglichkeit von mehr als zwei Programmen pro Veranstalter, für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk – zusätzlich zu den bestehenden nationalen Programmen – maximal zwei weitere bundesweite, nicht regionalisierbare, werbefreie Programme. „Für die Zeit des Simulcasts ist zudem eine Erhöhung der Dotierung des Digitalisierungsfonds von derzeit 500.000 auf 1,2 Mio. Euro pro Jahr sinnvoll“, so Struber.

Insgesamt herrschte aber abseits der ORF-Entscheidung berechtigt positive Stimmung, die auch Struber unterstrich:

Auf der Vollversammlung des WorldDAB Forum in Wien wurde eines deutlich: Rund um Österreich ist Europa auf dem Weg zu Digitalradio DAB+, daran führt kein Weg mehr vorbei. Das Bild, das Vertreter aus Deutschland, Norwegen, Großbritannien oder Frankreich über ihre Fortschritte mit Digitalradio zeichneten, ist für Österreich vor dem Hintergrund der jüngsten Entscheidung der Regulierungsbehörde über eine flächendeckende Ausschreibung von besonderer aktueller Bedeutung

Und hier weitere Stimmen zum WorldDAB-Forum. Der Präsident Patrick Hannon fasst die Situation folgendermaßen zusammen und verlangt mehr politisch Einmischung:

DAB gewinnt kontinuierlich an Stärke und wir haben heute sehr deutliche Bekenntnisse von den Regierungen auf Länderebene gehört. Eine wachsende Anzahl an Stimmen fordert nun eine aktivere Unterstützung seitens der Europäischen Kommission. Insbesondere, dass Empfangsgeräte gleichzeitig FM- und DAB-fähig sein sollen. Von einem derartigen Schritt würden sowohl neue als auch bereits entwickelte Radio-Märkte gleichermaßen profitieren

Heike Raab, Staatssekretärin für Bundes- und Europaangelegenheiten, für die Bereiche Medien und Digitales des Landes Rheinland-Pfalz meinte:

Die Zukunft des Radios ist digital! Aufgrund der vielen Vorteile, die durch DAB entstehen, ist der digitale Switch-over nur eine Frage der Zeit. Die Simulcast-Phase muss so kurz wie möglich und so lange wie notwendig sein.

Auch Andreas Geiss, Abteilungsleiter – Radio Spectrum-Politik, DG CONNECT, Europäische Kommission steht der Technik positiv gegenüber:

Wir sind an einer Modernisierung der Hörfunkübertragungsnetze interessiert und freuen uns, dass sich der Markt für DAB+, genauso wie für Internetradio, weiterentwickelt. Wir haben DAB bereits in unsere Standards aufgenommen, die alle Mitgliedsstaaten unterstützen sollten.  Ein Eingreifen auf EU-Ebene muss den Grundsatz derSubsidiarität berücksichtigen und einen Mehrwert schaffen. Egal, welche Handlung wir setzen, wir müssen sicherstellen, dass der Konsument bei Service und Preis wählen kann. Wir fordern Rundfunkanbieter, Autohersteller und Telekomindustrie auf, zusammenzuarbeiten.

Zuversichtliche Stimmen auch aus Frankreich. Patrice Gélinet, Vorstandsmitglied des Hohen Rates für audiovisuelle Medien (CSA):

In den nächsten Monaten und Jahren werden zusätzliche Ausschreibungen folgen, das bedeutet, dass 2023 die gesamte französische Bevölkerung DAB empfangen kann. Der Erfolg von DAB bei unseren Nachbarn zeigt den Appetit der Industrie und der Hörer auf digitalen Hörfunk. Über die bekannten technologischen Vorteile hinaus beweisen die Vielfalt, die Vielseitigkeit und das Bekenntnis der Stakeholder im Radio-Ökosystems, dass DAB ein wesentlicher Bestandteil der Zukunft des Radios in Europa und somit auch in Frankreich ist.

Quelle: Eigenrecherche und Pressemitteilung der FEEI Kommunikation

Bild: FEEI Kommunikation

 

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