Wirbel um das Digitalradio-Board

Mit viel Euphorie wurde 2015 das Digitalradio-Board ins Leben gerufen. Zu Recht! Ging es doch um das ehrgeizige Ziel eine Roadmap zur Überführung des Radios in das digitale Zeitalter zu erstellen. Alle Marktteilnehmer unter Einladung der parlamentarischen Staatssekretärin Dorothee Bär und dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur waren aufgefordert konstruktiv an diesem ehrgeizigen Prozess mitzuwirken. Das funktionierte die ganzen Monate offenbar auch recht gut – bis zum 17.02.2017. Doch zunächst einmal die gute Nachricht: Bis auf eine Ausnahme haben alle Beteiligten den aktuellen Entwurf einer Digitalradio-Roadmap zugestimmt, wie das Online-Portal teltarif berichtet.

Aber: Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT) lehnte die Roadmap unter dem Namen „Aktionsplan zur Transformation der Hörfunkverbreitung in das digitale Zeitalter“ als, so wörtlich „nicht markttauglich“ ab und beendete damit die Zusammenarbeit mit dem Digitalradio-Board. Doch, was sind die Gründe und führte zu diesem Bruch? In einer Presseerklärung erläuterte der Vorsitzende des Fachbereiches Radio und Audiodienste des VPRT Klaus Schunk: „Neue Technologien kann man politisch nicht verordnen. Sie müssen die Konsumenten überzeugen und sich im Markt von sich aus durchsetzen. (…) Der Entwurf des Aktionsplans gibt kein marktkonformes Migrationsszenario vor. Er fördert den Übertragungsstandard DAB+ einseitig und an den Markt- und Nutzungsgegebenheiten vorbei.“

Hier stellt sich die Frage, ob es sich hier um einen Vorwand oder Einwand handelt? Der Faktencheck: Die UKW-Nutzung ist nach wie vor sehr hoch, aber rückläufig. Laut dem Digitalisierungsbericht der Medienanstalten 2016 liegt UKW als meist-genutzte Empfangsart mit 74,3% vorn. 2013 waren es allerdings noch 78,6%. DAB+ hingegen holt kräftig auf. Laut einer aktuellen ZVEI-Studie besitzen unterdessen mehr als 20% der Deutschen mindestens ein Digitalradio-Gerät. Zweistellige, prozentuale Zuwächse jedes Jahr sind mittlerweile eher Standard als die Ausnahme. Die Förderung von DAB+ geht also keinesfalls an den „Markt- und Nutzungsgewohnheiten“ vorbei.

Ebenso kritisiert der VPRT, dass zukünftig nicht mehr genutzte UKW-Frequenzen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auch Mitbewerbern nicht zur Verfügung gestellt werden, also auslaufen sollen. Der Check: Ja, was denn sonst? Beim Digitalradio-Board war nie die Rede von einer Transformation der Hörfunkverbreitung in das digitale Zeitalter NUR für öffentlich-rechtliche Programme. Das Ziel muss sein, dass ALLE Beteiligte den Weg gehen, also auch insbesondere Privatradioanbieter. Bei diesen Begründungen darf man Zweifel hegen, ob der VPRT überhaupt ernsthaft an einer digitalen Migration des Radios interessiert war und ist. Der Geschäftsführer der sächsichen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) Martin Deitenbeck, der auch bei den Verhandlungen des Digitalradio-Boards teilnahm zeigte sich in einem Forumbeitrag und gegenüber Radio wird digital über den VPRT-Rückzug erstaunt, zumal man dem Verein bereits entgegen kam:

Die Roadmap wurde vor allem aus Rücksicht auf den VPRT von zunächst 20 auf nun noch 8 Forderungen eingedampft. Trotzdem wollte der VPRT letztlich nicht mitgehen

Gleichzeitig sollte dies nicht überbewertet werden, denn, so Martin Deitenbeck weiter:

Die APR hat der Roadmap übrigens zugestimmt. Insoweit ist die Formulierung in der VPRT-Pressemeldung „Die Privatradios …“(Anmerkung: Im Hinblick auf den Ansatz einer Digitalradio-Roadmap schrieb der VPRT wörtlich: „Er ist aus Sicht der Privatradios leider gescheitert“) schlicht falsch. Es sind einige Privatradios, aber längst nicht alle.

Ähnlich sieht dies auch der Geschäftsführer der DRD Digitalradio Deutschland GmbH Willi Schreiner. Auch er erläuterte in einem Facebook-Forum:

Nur die VPRT-Sender verlassen das Board, die APR bleibt noch dabei! Außerdem senden einige VPRT-Sender, oft landesweit und angeblich bewerben sich einige landesweite Sender um einen Sendeplatz auf den gerade ausgeschriebenen privaten Bundesmux. Dies ist die andere Seite der VPRT-Meldung, die nicht geschrieben wurde

Mit der Arbeitsgemeinschaft privater Rundfunk (APR) hat man einen mächtigen Verband an Bord. Zu seinen (Radio-) Mitgliedern gehören zahlreiche lokale und regionale Veranstalter aus Baden-Württemberg (z.B. Private Rundfunkgesellschaft Ortenau KG, Radio 100,7 Mhz Stuttgart GmbH, Radio TON Regionl Hörfunk GmbH u. Co.KG, RNO Rhein-Neckar-Odenwald Radio GmbH u. Co.KG), Bayern (z.B. Funkhaus Regensburg GmbH u. Co. Studiobetriebs-KG, Funkhaus Aschaffenburg GmbH u.Co. Studiobetriebs-KG, hitradio RT.1 Südschwaben GmbH, Neue Welle Antenne Regensburg GmbH, Radio Charivari OHG), Nordrhein-Westfalen (z.B. Radio NRW GmbH). Außerdem z.B.: 94,3 rs2Berlin-Brandenburg Radio -Information Audio-Service Zwei GmbH, Absolut Digital GmbH u.Co.KG, KISS FM Radio GmbH u.Co.KG, Radio BOB GmbH u. Co.KG, Radio NRJ GmbH, Radio Teddy GmbH u. Co.KG, RMN Radio GmbH und viele Weitere.

Doch wie geht es jetzt weiter? Nach der Verabschiedung der Roadmap wurde diese von der Parlamentarischen Staatssekretärin Bär an die Staatssekretärin Raab (Rheinland-Pfalz) zur weiteren Beratung an die Rundfunkkommission der Länder übergeben. Hoffen wir, dass die Politik nun im Sinne einer glanzvollen und technisch wegweisenden Radiozukunft entscheidet und nicht vor Eigeninteressen eines Verbandes, der den Status Quo offenbar als endlos beurteilt und damit eher der Gattung Radio schadet, einknickt.

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